Für zwei essen? Ein häufiges Missverständnis
"Du isst jetzt für zwei" ist einer der hartnäckigsten Mythen rund um die Schwangerschaft. Die Realität sieht nüchterner aus: Der Kalorienbedarf steigt in der Schwangerschaft kaum. Was tatsächlich deutlich ansteigt, ist der Bedarf an bestimmten Vitaminen und Mineralstoffen. Das Netzwerk Gesund ins Leben der DGE bringt es auf den Punkt: Schwangere sollten besonders auf die Qualität ihrer Ernährung achten, nicht auf die Menge.
Erst im zweiten Trimester werden laut DGE-Referenzwerten rund 250 Kilokalorien mehr pro Tag benötigt, im dritten Trimester etwa 500 Kilokalorien mehr. Zum Vergleich: Ein Sandwich und ein Glas Milch liefern schon rund 300 Kilokalorien. Wer im Alltag körperlich weniger aktiv ist als gewöhnlich, braucht entsprechend auch weniger Mehrenergie.
Die drei kritischen Nährstoffe: Folsäure, Jod und DHA
Während die meisten Vitamine und Mineralstoffe durch eine ausgewogene Ernährung ausreichend zugeführt werden, gibt es drei Nährstoffe, bei denen Schwangere und Frauen mit Kinderwunsch besonders aufpassen müssen. Alle drei sind durch Ernährung allein kaum in ausreichender Menge zu decken.
Folsäure: Jetzt sofort beginnen
Folsäure ist der kritischste Nährstoff in der Frühschwangerschaft, weil der Neuralrohrverschluss bereits in den ersten vier Wochen nach Konzeption stattfindet, also oft noch bevor Frauen wissen, dass sie schwanger sind. Die DGE-Empfehlung ist eindeutig: 400 Mikrogramm Folsäure täglich als Supplement, mindestens vier Wochen vor einer geplanten Schwangerschaft, spätestens bis zum Ende des ersten Trimesters. Wer erst kurz vor oder nach der Konzeption beginnt, sollte laut DGE auf 800 µg/Tag erhöhen.
Jod: Deutschland ist kein Jodparadies
Deutschland gilt laut WHO als Gebiet mit mildem bis moderatem Jodmangel. In der Schwangerschaft steigt der Jodbedarf zusätzlich, weil das Kind über die Plazenta versorgt werden muss und die Schilddrüse der Mutter mehr Hormone produziert. Die DGE empfiehlt deshalb täglich 100 bis 150 Mikrogramm Jod als Supplement. Wer an einer Schilddrüsenerkrankung leidet, sollte das vorher mit dem Arzt besprechen. Algenpräparate als Jodquelle sind in der Schwangerschaft nicht geeignet, da der Jodgehalt stark schwankt und zu hoch sein kann.
DHA: Omega-3 für das Gehirn des Babys
Docosahexaensäure (DHA) ist eine langkettige Omega-3-Fettsäure, die für die Entwicklung des Sehvermögens und des Gehirns des Ungeborenen wichtig ist. Wer ein- bis zweimal pro Woche fettreichen Meeresfisch isst, also Lachs, Hering oder Makrele, deckt in der Regel den Bedarf von 200 mg DHA täglich. Wer keinen Fisch mag oder isst, sollte ein DHA-Supplement nehmen. Studien zeigen, dass eine ausreichende DHA-Zufuhr das Risiko früher Frühgeburten signifikant senkt.
Wie viel soll ich zunehmen? Ernährung und Gewicht zusammen denken
Ernährung und Gewichtszunahme hängen direkt zusammen, aber nicht so, wie viele denken. Das Ausgangsgewicht vor der Schwangerschaft beeinflusst laut DGE mehr das Übergewichtsrisiko des Kindes als die Zunahme während der Schwangerschaft selbst. Dennoch gibt das IOM klare Orientierungswerte:
Frauen mit Normalgewicht (BMI 18,5-24,9) sollen insgesamt 11,5 bis 16 kg zunehmen, bei Übergewicht (BMI 25-29,9) sind es 7 bis 11,5 kg. Dr. Manuela Tavares, Pränataldiagnostikerin, erklärt: "Bei Übergewicht sollten sogar nur 0,2 Kilogramm pro Woche zugenommen werden. Da reicht bereits ein Glas Milch täglich zusätzlich zur üblichen Ernährung."
Kalorienarme Diäten sind in der Schwangerschaft keine Option, auch nicht bei Übergewicht oder Adipositas. Sinnvoller ist es, auf nährstoffdichte Lebensmittel zu setzen, also Lebensmittel die viele Vitamine und Mineralstoffe bei vergleichsweise wenig Kalorien liefern.
Mediterrane Ernährung: Die beste Strategie in der Schwangerschaft
Beobachtungsstudien zeigen, dass eine mediterran ausgerichtete Ernährung in der Schwangerschaft den mütterlichen und kindlichen Zustand verbessert und das Risiko für Schwangerschaftsdiabetes senkt. Sie setzt auf Lebensmittel mit hoher Nährstoffdichte statt auf Kalorien-Tracking:
- Obst und Gemüse: täglich 3 Portionen Gemüse (Brokkoli, Spinat, Paprika) und 2 Portionen Obst (Äpfel, Beeren, Mango)
- Vollkornprodukte: Haferflocken, Vollkornbrot, Hirse, Bulgur
- Proteine: Hühnchen, Eier (vollständig gegart), Hülsenfrüchte, Tofu, Nüsse
- Fisch: 1-2 Portionen fettreicher Meeresfisch pro Woche (DHA-Quelle)
- Fette: Olivenöl statt tierischen Fetten
- Milchprodukte: fettarme Varianten als Calcium- und Jodquelle
Was man meiden sollte: Lebensmittelsicherheit in der Schwangerschaft
Einige Lebensmittel können durch Listeriose oder Toxoplasmose ernste Risiken für das ungeborene Kind darstellen. Die DGE-Handlungsempfehlungen sind hier eindeutig:
- Kein rohes oder nicht durchgegrates Fleisch: Salami, roher Schinken, Tartar
- Kein Räucherfisch (Listeriose-Risiko)
- Kein Weichkäse aus Rohmilch (Camembert, Brie)
- Eier nur vollständig durchgegart essen
- Keine Algenprodukte als Jodquelle
Alkohol sollte komplett gemieden werden. Es gibt keine nachgewiesene sichere Mindestmenge. Das fetale Alkoholsyndrom ist die häufigste vermeidbare Behinderung bei Neugeborenen.
Koffein: Zwei Tassen Kaffee sind das Maximum
Studien zeigen ab 300 mg Koffein täglich ein signifikant erhöhtes Risiko für Spontanabort. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) empfiehlt in der Schwangerschaft maximal 200 mg Koffein pro Tag als sicher. Das entspricht in etwa zwei Tassen Filterkaffee oder einem Espresso plus einer Tasse Tee.
Energydrinks sollten komplett gemieden werden, da sie neben Koffein weitere Wirkstoffe enthalten, deren Wechselwirkungen in der Schwangerschaft nicht vollständig geklärt sind.
Vegetarisch oder vegan schwanger: Was ist zu beachten?
Eine ovo-lakto-vegetarische Ernährung mit Eiern und Milchprodukten ist in der Schwangerschaft grundsätzlich möglich, deckt aber nicht automatisch alle kritischen Nährstoffe ab. Besonders Eisen und Folsäure sollten gezielt beobachtet werden. Tipp: Eisenreiche pflanzliche Lebensmittel wie Hülsenfrüchte gleichzeitig mit Vitamin-C-reichen Lebensmitteln essen, das verbessert die Aufnahmerate deutlich.
Bei vollständig veganer Ernährung empfiehlt die DGE dringend eine ärztliche Kontrolle der Nährstoffversorgung und eine qualifizierte Ernährungsberatung. Vitamin B12, DHA, Zink, Calcium, Eisen und Jod müssen gezielt supplementiert werden, um Mängel zu vermeiden, die die Entwicklung des Kindes gefährden könnten.
Bewegung: Mindestens 30 Minuten täglich
Bewegung in einer normalen, gesunden Schwangerschaft ist sicher, gewünscht und hat nachgewiesene Vorteile für Mutter und Kind. Studien zeigen ein verringertes Risiko für Frühgeburt, Kaiserschnitt und Schwangerschaftsdiabetes. Die DGE-Empfehlung: mindestens 30 Minuten moderater Sport an 5 Tagen pro Woche. Moderat bedeutet: Man kann dabei noch eine Unterhaltung führen (Talk-Test). Besonders empfohlen werden Nordic Walking, Schwimmen, Aquafitness und Schwangerschaftsyoga. Auch 10.000 Schritte täglich sind eine gute Orientierung für Alltagsaktivität.
Wie viel soll ich in meiner SSW zunehmen?
Berechne deine persönliche Empfehlung nach BMI und Schwangerschaftswoche.
Jetzt berechnenQuellen
- Koletzko B. et al.: Ernährung und Lebensstil vor und während der Schwangerschaft. Netzwerk Gesund ins Leben / DGE (2018)
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung: Handlungsempfehlungen Ernährung in der Schwangerschaft. DGEinfo 12/2018
- Institute of Medicine: Weight Gain During Pregnancy. National Academies Press (2009)
- NDR Gesundheit: Gewichtszunahme in der Schwangerschaft. Dr. Manuela Tavares (2024)
- EFSA: Scientific Opinion on the safety of caffeine (2015). EFSA Journal 13(5):4102
- D-A-CH-Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. DGE, 2. Auflage (2017)